Unsere Stück-für-Stück-Betrachtung
Wir legen ein Raster über die „Welt“ und beginnen jeden Ausschnitt bis ins Detail zu analysieren. Unser mechanisches Bild der Stück-für-Stück-Betrachtung lässt uns glauben, dass die Welt aus voneinander getrennten Dingen besteht. Wir erkennen dabei nicht (mehr), dass die Welt aus einem Stück ist, d.h. wir verlieren das Ganze aus dem Blick. Unsere Fokussierte Betrachtungsweise führt zum Ignorieren bzw. Ausblenden all dessen, was außerhalb von ihr liegt. Wenn man sich auf eine Figur konzentriert, verliert man den Hintergrund aus dem Blick und sieht die Welt deshalb nicht mehr als Ganzes. Man nimmt separate Dinge und Ereignisse ernst, weil man glaubt, diese würden tatsächlich existieren, obgleich sie nur als das existieren, was wir aus ihnen machen.
Wir haben uns als Menschen auf eine bestimmte Art von Aufmerksamkeit spezialisiert, die es uns ermöglicht, die Details sehr genau zu untersuchen. Zivilisierte Menschen haben es gelernt, sich auf konzentrierte Aufmerksamkeit zu spezialisieren. Der Preis für diese Spezialisierung ist das Ignorieren bzw. Ausblenden all dessen, was außerhalb von ihr liegt.
Wenn man sich auf eine Figur konzentriert, verliert man den Hintergrund aus dem Blick und sieht die Welt deshalb nicht mehr als Ganzes. Man nimmt separate Dinge und Ereignisse ernst, weil man glaubt, diese würden tatsächlich existieren, obgleich sie nur in einer Weise existieren, wie die Interpretation eines Rorschach-Tintenklexes existiert: als das, was wir aus ihnen machen.
In Wahrheit ist unsere physische Welt ein System untrennbarer Gegensätze. Alles existiert mit allem anderen zusammen, doch wir bemerken dies nicht, weil wir nur das bemerken, was wir für „bemerkenswert“ halten, und weil wir die Dinge als Bezeichnungen, Zahlen, Wörter und Bilder registrieren. Was wir merkwürdig und beachtenswert nennen und was wir bezeichnen und bemerken, ist das, was uns als wichtig erscheint, während wir alles andere ignorieren und als unwichtig ansehen. Das hat zur Folge, dass wir von all den Informationen, die unsere Sinne aufnehmen, nur einen sehr kleinen Teil auswählen und verarbeiten, und dies verleitet uns dazu zu glauben, wir seien separate Wesen, durch die Grenze der Haut vom Rest der Welt getrennt. Und genau dieser Mechanismus ist auch im Spiel, wenn wir nicht merken, dass Schwarz und Weiss zusammen existieren und dass es zu jedem Innen auch ein Außen gibt. Man kann das Verhalten eines Systems nur genau und zutreffend beschreiben, indem man das Verhalten der Umgebung in diese Beschreibung einbezieht. Bei Problemen, die ständig ungelöst bleiben, sollte man immer den Verdacht haben, dass die Frage falsch gestellt worden ist. Man teilt einen Prozess willkürlich in zwei Teile, vergesse, das man es getan hat, und rätsele dann jahrhundertelang, wie man die beiden Teile zusammenfügen kann.
Aber: Erst wenn wir die Details aus unserer Sicht entlassen, erblicken wir das Ganze. Und hier haben wir die Tragik der exakten Wissenschaften vor uns: Je genauer wir etwas zu erfassen versuchen, um so mehr verschwindet das Ganze, wie es auch die alte Volksweisheit mit dem „vor lauter Bäumen den Wald nicht sehen“ treffend beschreibt. Wir können nie genug wissen, um sichere Schlüsse zu ziehen. Die Suche nach immer mehr und immer genaueren Informationen führt nie zum Zustand der Gewissheit, sondern im Endeffekt nur zur Verwirrung und Handlungsunfähigkeit. Wissen erzeugt Unwissen. Je mehr wir wissen, desto mehr wissen wir nicht. Man bemerkt, was man alles noch nicht weiß, bekommt das starke Bedürfnis nach noch mehr Wissen, sammelt weitere Informationen, merkt noch mehr, dass man eigentlich fast überhaupt nichts weiß…
Dem Nichtwissenden stellt sich die Welt einfach dar.
Wissen erhöht Unsicherheit. Und Handeln bei Unsicherheit erzeugt neues Nicht-Wissen.
“Nur der Wahnsinnige ist sich absolut sicher“
(J. Röpke, 2002, S.33)
Wer um sein Nichtwissen weiß, aus dem leuchtet der Adel des Geistes;
wer darum nicht weiß, ist in Wahn verstrickt.
(Lao-tse, Tao-te-ching, 71)
Weise Menschen sind keine Vielwisser.
Vielwisser sind keine Weisen.
(Lao-tse, Tao-te-ching, 81)
Wer großes ordnen will, ordnet nicht geringes.
Wer die wirklichen Zusammenhänge erkennen will,
achtet nicht auf Kleinigkeiten.
(Yang Chu)
Die wachsenden Datenmengen führen folglich ähnlich so, wie wachsender Verkehr letztendlich zum Chaos und damit zur Ineffizienz. Wenn wir eine Entscheidung zu treffen haben, tragen wir gewöhnlich so viel Informationen wie möglich zusammen. Aber oft ist es so ambivalent, dass uns nichts anderes übrig bleibt, als eine Münze zu werfen. Zusätzliche Informationen bedeuten keineswegs zusätzliche Vorteile. Um das Grundmuster eines komplizierten Zusammenhangs zu erkennen, reichen ein paar Eckdaten völlig aus. Je mehr Detailinformationen ein Entscheider bekommt, desto schwerer wird es für ihn, ein Grundmuster zu erkennen. Lee Goldmann konnte in verschiedenen Studien zeigen, dass je mehr Informationen die Probanden bekamen, desto sicherer fühlten sie sich, aber das Urteil wurde damit keineswegs richtiger.
3 years ago
